2020 - welch ein Jahr

Nachdem die alljährlichen TV-Rückblicke mangels erhellender Veranstaltungen im Jahr 2020 eher von Fallzahlen, Brexitchaos, und Zusammenfassungen längst vergangener Helene Fischer-Konzerte dominiert wurden und Schlagerfans rätseln, wie der diesjährige Silvesterstadl hygienisch einwandfrei dargeboten werden könnte, überwiegt in meiner Erinnerung vor allem ein Gefühl des ungläubig-entsetzten „Gibt’s doch gar nicht!“. Glücklicherweise wartete bei genauer Betrachtung aber hinter jedem Trümmerfeld ein echter Alltagsheld, der den steinigen Weg durch dieses Corona-Jahr deutlich erträglicher machte. Angefangen beim Linsen-Mehl-Nudel-Mangel im Frühjahr bis hin zur hoffnungsvollen Aussicht auf ein Jubeljahr 2021, die sich spätestens im November abzeichnete.

Leipzig, Linsen, Hefeschwund

Leipziger Buchmesse 2020 abgesagtMein erstes nachhaltiges Corona-Erlebnis war die Absage der Leipziger Buchmesse 2020. Eigentlich hätte ich am 12.03.2020 um 11:30 h im Literaturcafé in Halle 4, Stand B 600 aus meinem noch unveröffentlichten Manuskript lesen sollen, das ich exakt eine Woche vor dem denkwürdigen Ereignis rechtzeitig beendet hatte. Möglich gemacht hatten das Evi und Hans-Georg Sandmann, denen ich in tiefer Freundschaft verbunden bin. Ein Traum war mit dieser Einladung wahr geworden. Und zerplatzt. Zumindest vorläufig.
Statt Leipzig und der Weiterreise nach Berlin, wo ich für ein weiteres Buchprojekt recherchieren wollte, blieb ich daheim und versuchte Bedeutung und Auswirkung eines Lockdown zu begreifen, der uns nun erstmals ereilte. 2020 sollte ein besonderes Jahr werden.

Wie Millionen anderer Mitmenschen widmete ich mich dem akribischen Wohnungsputz sowie der vergeblichen Jagd auf Linsen, Mehl, Hefe und Nudeln und starrte tagelang fassungslos in leergefegte Supermarktregale.
Linsen-Care-Paket von Volker im ersten Lockdown 2020Rettung nahte in Gestalt von Volker, der mir ein Linsen-Care-Paket schickte und Silke, die über die Adresse einer Nudelfabrik im Schwäbischen verfügte, die auch tatsächlich meine Bestellung bearbeiten und sogar (!) Nudeln verschicken konnte. Mehl blieb weiterhin ein Problem, löste sich aber irgendwann durch die Entdeckung eines italienischen Supermarktes mit ausreichendem Bestand. Hefe glänzte in den Supermarktregalen hartnäckig durch Abwesenheit, ebenso wie das in Deutschland überaus beliebte Toilettenpapier. Bis heute ist mir nicht klar, was meine Mitmenschen mit all der Hefe und dem Mehl angestellt haben könnten. Als ich endlich letzteres ergatterte, habe ich umgehend Himbeer-Muffins gebacken. Wer seine heimlichen Mehlberge reduzieren möchte, den erinnere ich hiermit gerne an dieses Rezept. Die Einladung gilt natürlich auch für nicht-mehlsammelaffine Freunde des Feingebäcks. Schmeckt sehr fein und Himbeeren gibt es (noch) tiefgekühlt.

Maskenball und New York-Cheesecake

Kaum hatten wir uns ans Schlange stehen gewöhnt, kam nach einigem hin und her die Maskenpflicht. Nun war guter Rat teuer. Die handelsüblichen Teile im OP-Style nicht verfüg- bzw. unbezahlbar. Ich erinnere mich an den Aushang einer Apotheke, die das rare Gut für sage und schreibe 21 € / Stück anbot. Okay, es war eine besonders seltene FFP2-Maske. Auf jeden Fall unerschwinglich, schließlich waren zeitgleich mit Absage der Leipziger Buchmesse auch sämtliche Aufträge dahin.

Maskenball mit Snjezana - 2020 das Jahr des Mund-Nasen-SchutzesDas Internet quoll über vor lustigen Nähanleitungen und sonstigen Behelfstipps, z.B. Masken aus Kaffeefiltertüten. Glücklicherweise erbarmte sich Snjezana, die meine Bastelbemühungen irgendwie mitbekommen haben musste, und schickte mir 2 handgenähte Masken. Ich hätte das niemals hinbekommen und fürchtete schon, mit meinem eher mäßig gelungenen Ausschneidemodell aus einem zweckentfremdeten Küchenhandtuch herumlaufen zu müssen. Mit Snjezanas schicken Mund-Nasen-Schutz hätte ich jeden Maskenball zieren können. Hätte es einen gegeben. Aber in Sachen Kultur ging ja nix mehr. Dabei waren meine kulinarischen Lesungen gerade so gut angelaufen und etliche fertige Veranstaltungskonzepte ausgearbeitet. Stattdessen begleitete uns nun für den Rest des Jahres #AlarmstufeRot in der Kulturszene.

New York CheesecakeTrost fand ich beim New York Cheesecake nach einem Rezept von Cynthia Barcomi. Irre aufwendig, doch endlich hatte ich Zeit hierfür. Wenn auch die Zutaten dank leerer Regale zunächst nicht ganz einfach zu beschaffen waren. Beim ersten Versuch Weizenkleie, Weizenvollkornmehl, saure Sahne und Frischkäse zu erstehen, ging ich mit lediglich 3 Äpfeln nach Hause. Dass Deutschland Nudeln und Toilettenpapier bunkerte, kann man vielleicht noch verstehen. Aber Weizenkleie???

Nierensteine statt Kultur

gesperrte Grünanlagen - der Wasserturm im April 2020Unter abgesagten Veranstaltungen litt vor allem der plötzlich quasi mit Berufsverbot belegte Musiker an meiner Seite. Mein leidgeprüfter Ehemann fristete sein Dasein ab sofort mit Online-Unterricht an Musikschulen anstatt seinen Lebensunterhalt mit den sonst im Frühjahr und Sommer üblichen Festen und Konzerten zu bestreiten. Die hochgelobten Soforthilfeprogramme waren in Sachen Lebensunterhalt wenig hilfreich, da diese lediglich „Betriebskosten“ deckten, die Künstler und andere Soloselbständige nun eher nicht haben. Kosten für Lebensmittel und die Wohnung dummerweise schon. Die sollen nun zumindest in den Novemberhilfen berücksichtigt werden, die mit etwas Glück im Januar 2021 ausgezahlt werden…

Texte für Belle IkatWährend Christian sich mit mäßig funktionierenden Zoom-Sessions herumplagte, versorgten mich Isabella, meine Freundin seit Tagen der Aroma Station mit regelmäßigen Textaufträgen für ihr Modelabel Belle Ikat und Silke, die nicht nur über Nudellieferantenadressen verfügt sondern auch einen tollen Verlag namens Pinguletta betreibt, mit Text- und Gestaltungsaufträgen für Backrezepte. Mein absolutes Highlight nach dem mittlerweile endgültig abgesagten Blog-Auftrag einer Werbeagentur, dem letzten Hoffnungsschimmer auf kreatives (und lukratives) Arbeiten. Dazwischen bepflanzte ich die Terrasse, unternahm Spaziergänge an den Rand gesperrter Grünanlagen und arrangierte mich mit unserer „neuen Normalität“.

Nierenstein im Corona-Jahr 2020Bis das nächste Drama über mich hereinbrach, diesmal in Form einer Nierenkolik, die mich in die Notaufnahme des Theresienkrankenhauses brachte. Bei allem was recht ist, das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Gleich zwei Operationen musste ich mich unterziehen bis der gemeine Nierenstein weg war, von den grässlichen Schmerzen ganz zu schweigen. Bei allem Elend, ein Gutes hatte sogar diese leidige Geschichte. Denn dadurch lernte ich Renate und mit ihr das Geheimnis des Nudelwassers kennen!

Sommer, Sonne, Upcycling

Upcycling by Karin LassenDie Tage wurden heißer, die im April besäte Terrasse grüner, die Wohnung war noch immer blitzblank. Statt zum Putzlappen griff ich daher zu Schmirgelpapier und Farbe, „upcycelte“ den in die Jahre gekommenen Terrassenstuhl und erduldete tapfer meinen Muskelkater in Folge der ungewohnten körperlichen Betätigung. Christian entdeckte im Gegenzug seine Begeisterung für das Lieblingsspielzeug Tausender Ehemänner und sorgte samt ausgeliehenem Kärcher für einen unbemoosten und hochdruckgereinigten Terrassenboden bevor er anschließend die unansehnlich gewordene Holzbank mit neuem Anstrich versah. Über uns strahlend blauer Himmel, an dem die selten gewordenen Flugzeuge merkwürdige Signaturen hinterließen.

Pilotenglück - merkwürdige Signaturen am Sommerhimmel 2020Zwar war die Terrasse nun eine echte Augenweide, doch konnte man sie dank kontinuierlich steigender Temperaturen nur in den frühen Morgenstunden genießen. Abkühlung verschaffte ich mir an Wochenenden mit Sabine bei gemeinsamen Ausflügen in den Waldpark (und folgte damit ganz nebenbei der Empfehlung des Urologen: „Saufen und Laufen“) und in die Kunsthalle bevor diese im nächsten Lockdown erneut ihre Tore verschloss.

Ausflug in die KunsthalleMeine Arbeitstage verbrachte ich mittlerweile im kühlen Büro eines Bildungsträgers, für den ich dank Annette nun regelmäßig tätig war. Ihr habe ich es zu verdanken, dass mich dieses schwierige Jahr nicht in die Insolvenz trieb, wie ich nach meinen Auftragsverlusten im Frühjahr und den Krankenhausaufenthalten durchaus befürchtete!

An den allgegenwärtigen Mund-Nasen-Schutz, tägliche Fallzahlen und Speisen To go mittlerweile gewöhnt, hätte man im Sommer fast das Corona-Damoklesschwert vergessen.

#AlarmstufeRot im Jahr 2020

Kaum waren die Sommerferien vorbei, begaben sich ganze Schulklassen nach nur wenigen Tagen Präsenzunterricht auch schon in Quarantäne und die Neuinfektionen stiegen. Die Schuldigen waren schnell ausgemacht, die Reiserückkehrer, wer sonst. Völlig perplex über die Notwendigkeit veränderter Unterrichts- und Lüftungskonzepte, schlingerten Kultusminister von Konferenz zu Konferenz, während sich der Rest der Republik fragte, warum Behörden vom jährlich wiederkehrenden Sommerferienende und Herbstbeginn so überrascht werden konnten und wieso die Digitalisierung an den Schulen nicht vorankam. An Geld mangelte es ja angeblich nicht, ausreichend Budgets warteten auf Abruf.

Silke Boger und der Pinguletta-Verlag
Silke Boger, Pinguletta-Verlag

Solche wünschte sich vergeblich die Kultur- und Veranstaltungsbranche, die nach wie vor mit leeren Taschen und weitestgehend ungehört #AlarmstufeRot ausrief, lag sie doch mittlerweile seit Monaten brach. Nicht systemrelevanten Künstlern wurde mangels geeigneter Hilfsprogramme nahegelegt Hartz IV zu beantragen. Und nicht wenige stellten entsetzt fest, dass manch eifriger Jobcenter-Bearbeiter allen Ernstes vorschlug, doch zunächst einmal die Instrumente zu verkaufen und sich auf diesem Weg etwas Kapital zu verschaffen. Andere, denen es irgendwie gelungen war, den einen oder anderen bezahlten Auftritt im Sommer zu ergattern, sahen sich aufgrund der erzielten Umsätze (die sie nicht einmal über den Herbst retten würden) mit einer Rückforderung über die im Frühjahr spärlich ausgezahlten Unterstützungen konfrontiert. Gleichzeitig flossen Milliarden an Lufthansa & Co., die noch dazu Kurzarbeitergeld beziehen durften bevor sie kurz darauf ihr Personal entließen. Sparmaßnahmen eben.

Sparmaßnahmen hatten auch die Verlage ergriffen, wie mir Literaturagenten nach meinen bislang erfolglosen Anstrengungen zu meinem noch immer unveröffentlichtes Manuskript rückmeldeten. Doch nach all den verkorksten Versuchen war mir das Glück am Ende hold. Und meine Glücksfee war erneut Silke, Inhaberin des Pinguletta-Verlags.

Mein Jahr 2020 – Ende gut, alles gut

Karin Lassen "Sei tapfer im Leben"Das zumindest ist mein Resümee des Jahres 2020, trotz zweiter Welle, erneutem Lockdown und sehr nachdenklichen Weihnachtstagen, erstmals ohne unsere Freunde Joe und Sharon, die zu unserem größten Bedauern nach vielen Jahren und etlichen gemeinsamen Unternehmungen nach Amerika zurückgekehrt waren. Dank meiner Alltagshelden habe ich 2020 nicht nur glimpflich überstanden sondern kann auch auf etliche erhellende Momente in schwierigen Tagen zurückblicken.

Mein Ausblick auf 2021 ist alles andere als schrecklich. Denn im ersten Halbjahr wird mein Buch im Pinguletta-Verlag erscheinen. Der vorläufige Arbeitstitel: „Sei tapfer im Leben!“. Über dessen Bedeutung erzähle ich demnächst mehr. Und wenn im Mai 2021 die Leipziger Buchmesse stattfindet, bin ich dabei!

Am 16.03.2020 hatte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier geäußert: „Wir werden das Virus besiegen. Aber in was für einer Gesellschaft wir danach leben werden, das hängt davon ab, wie wir heute handeln.“ Jeder einzelne kann unendlich viel bewirken. Nicht nur mit großen Taten, sondern vor allem mit kleinen Gesten. Habe ich selbst erlebt. Mir macht das Hoffnung.

In diesem Sinne: Alles Gute für 2021 Euch allen!

Mein Jahr 2020 in Bildern